Zwischen Römern und Germanen


 
Seltene Grabbeigaben im Ingoltädter Stadtmuseum.

(ir) Ab sofort sind im Stadtmuseum Ingolstadt die Beigaben eines weiteren seltenen und bemerkenswerten Grabfundes zu sehen. Die Bestattungen stammen aus der Zeit um 300 n.Chr. und wurden im Norden von Ingolstadt unter der Fachaufsicht des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege von der Firma Pro Arch, Ingolstadt, ausgegraben.

Nach dem Verlust des Landes nördlich der Donau und östlich des Rheins zogen sich die Römer hinter diese Ströme zurück und errichteten eine neue Verteidigungslinie. Körpergräber aus der Zeit nach dem sogenannten „Limesfall“ mit dem Ende der Kastelle bei Pförring, Kösching, Böhming und Pfünz sind in der Region nach wie vor eine große Seltenheit. Die bekanntesten sind das Grab des „Ersten Bajuwaren“ aus Kemathen bei Kipfenberg und das jüngst entdeckte Kammergrab von Pförring, das schon jetzt als archäologische Sensation gilt.

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Die drei bereits 1999 nördlich des AUDI-Geländes entdeckten Bestattungen der Zeit um 300 n.Chr. sind mit bronzenen Pfeilspitzen, Gewandschließe, Gürtelschnalle und Toilettebesteck sowie einem Knochenkamm, verglichen mit Kipfenberg und Pförring, bescheiden ausgestattet. Sie sind aber etwas älter und geben daher einen spannenden Einblick in die Zeit des Aufeinandertreffens von Römern und Germanen, eine Zeit der Migration und Integration, die uns heute aus aktuellem Anlass zunehmend interessiert.

Die Grabfunde waren bisher nur gelegentlich im Stadtmuseum ausgestellt. Nun sind sie Mittelpunkt einer umgestalteten Vitrine mit dem Thema „Rätien zwischen Römern und Germanen“. Sie enthält weitere Neufunde, darunter reich verzierte Gewandschließen und eine große Perle, die ebenso wie die Grabfunde dem Museum geschenkt worden sind.

Besonders aufschlussreich ist, wie so oft in der Archäologie, die Begutachtung der Keramik. Denn die Römer produzierten nicht nur repräsentative Glanztongefäße, sondern auch auffällig derbe, handgemachte Gebrauchsware, die der „geistige Vater“ der Archäologischen Abteilung des Stadtmuseum, Dr. Rudolf Albert Maier, als „Rätisches Bauerngeschirr“ bezeichnete. Er schrieb: „Das Rätische Bauerngeschirr ähnelt der handgemachten römerzeitlichen Germanen-Keramik, die offenbar aus Siedlungen stammt, die auf friedliche Weise der römischen Gutswirtschaft integriert sind. Diese sind vielleicht dem Stamm der Hermunduren zuzurechnen.“ Germanensiedlungen hinter der Limesmauer, inmitten des Römerreichs?

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Heute sind die Archäologen vorsichtiger, wenn es darum geht, Gefäßscherben mit Menschen gleichzusetzen. Die neu ausgestellten Gräber, die nun „Römer- und Germanenkeramik“ in der Vitrine voneinander trennen, zeigen die Schwierigkeit solcher „ethnischen Deutungen“. Denn diese Gräber sind Körperbestattungen nach römischer mit Waffenbeigaben nach germanischer Sitte. Wer waren nun die Menschen, die kurz nach dem Rückzug des römischen Militärs außerhalb des Römerreiches bestattet wurden? Haben sich hier „Zugereiste“ den neuen Nachbarn oder „Alteingesessene“ den Neuankömmlingen angepasst? Die Funde in der neu gestalteten Vitrine, zu der auch ein römisches Trinkhorn (!) zählt, können die Frage nicht beantworten.

Damals begann an Rhein und Donau die Entwicklung einer neuen Gesellschaft, die Religion, Schrift, Rechtsprechung und viele andere wichtige Bestandteile der römischen Zivilisation bis in die Gegenwart bewahrt hat.
Die umgestaltete Vitrine im Stadtmuseum veranschaulicht diese Anfänge.







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