Erste Dialyse-Patientin ist heute eine junge Frau



Jubiläum für ein Leuchtturmprojekt der Humanitären Hilfe - Vor 25 Jahren wurde eine komplette Klinikstation ins rumänischen Iasi geliefert und aufgebaut.

(ir) Auf ein historisches Datum blickt die Humanitäre Hilfe im BRK-Kreisverband Neuburg-Schrobenhausen am heutigen Freitag zurück. Auf den Tag genau sind es 25 Jahre her, dass in der rumänischen Großstadt Iasi ein Leuchtturmprojekt gefeiert werden konnte. 17 Männer und Frauen hatten es geschafft, nach enormen Vorbereitungsarbeiten innerhalb von nur einer Woche eine komplette Kinderdialysestation einzurichten. Und die wurde dringendst benötigt. Für die todkranke, nur acht Jahre alte Emilia wurde die Blutwäsche zur Rettung in letzter Sekunde. Das Kind hat überlebt! Heute ist eine junge Frau aus ihr geworden. Sie lebt inzwischen in der Nähe von Kronstadt und sagt ihren Rettern ein herzliches Dankeschön, ebenso wie die Neuburger Ärztin Rodica Leporda, die das Projekt zusammen mit Toni Drexler federführend begleitet hat.



„Die Menschen aus dem Landkreis haben unheimlich viel für die Kinder und Jugendlichen in der Umgebung von Iasi getan“, betont sie. Inzwischen seien 40352 Dialysen durchgeführt und 194 kleinen Patienten das Leben geschenkt worden. Heute erinnert ein Schild an der Tür zur Dialysestation daran, dass sie vom Roten Kreuz aus dem fernen Schrobenhausen eingerichtet wurde. Ähnliche Schilder könnten auch an den Eingängen zur Frühchen- und zur Kinderintensivstation hängen. Beide wurden ebenfalls von der Humanitären Hilfe gründlichst auf Vordermann gebracht. Im Detail bedeutete dies tonnenschwere Lieferungen an Medizin- und sonstigen Geräten in Verbindung mit soliden Handwerkerleistungen.
Doch zurück zum Jubiläum! Vorsitzender Robert Augustin sagt, es sei sehr schade, dass wegen der Pandemie nicht mit der Mannschaft von damals gefeiert werden könne. Aber irgendwann werde man das bestimmt nachholen. Er sei aber schon stolz auf die Leistung seines Vorgängers. Toni Drexler, der Gründer der Humanitären Hilfe, habe mit dem Dialyseprojekt Meilensteine in Angriff genommen.



Hans Neugschwendner, ein bewährter BRK-Hase, der damals dabei war, ist sich ziemlich sicher, dass er so etwas nicht noch einmal machen würde. Die Belastungen seien enorm gewesen, weil alles von Zuhause mitgebracht werden musste. „Da denkst du oft die halbe Nacht darüber nach, ob du auch nichts vergessen hast!“ Selbst die kleinste Schraube und der winzigste Dichtungsring wurden damals zusammen mit den Werkzeugen in Gitterboxen verschlossen. Man habe schlicht verhindern wollen, dass wegen eines Langfingers die ganze Baustelle stehen bleibe, sagt heute Sigi Natzer, damals mit Ehefrau Ute in Iasi dabei. Er erinnert auch daran, wie schwierig das Projekt zu realisieren gewesen sei. Grenzübertritte seien sehr umständlich gewesen, Diesel für die Lkw habe es noch nicht in beliebiger Menge gegeben und auch Baumärkte für die üblichen Kleinteile habe man in Rumänien vergeblich gesucht.



Acht Dialysemaschinen bekam die Humanitäre Hilfe als Spende. Selbst zu bezahlen musste sie dagegen die Wasserversorgung, genauer die Reinstwasserversorgung. Eine Spezialfirma passte die verschiedenen Filtersysteme genau den Erfordernissen in Iasi an und lieferte sie dann fertig verbaut im Stahlrahmen. Zwischenzeitlich kam immer wieder auf Einladung der Humanitären Hilfe Besuch aus Rumänien nach Schrobenhausen. Ärzte, Pfleger und Techniker schauten sich im Kreiskrankenhaus um oder lernten auch an Münchener Kliniken in Sachen Blutwäsche dazu.



Drei Lastzüge, drei Kleinbusse, ein Pkw sowie 17 Männer und Frauen bildeten schließlich den Konvoi, der die komplette Dialysestation ins 1500 Kilometer entfernt Iasi brachte. Dort sollten nur die Räume für die neue Station vorbereitet werden. Als das nicht funktionierte, setzte sich Rodica Lepordas Ehemann George ins Flugzeug und schob vor Ort an. So waren die Zimmer doch noch fast fertiggeworden, als die BRK-Laster auf den Hof der Klinik rollten. Dann bewies das Team im Rotkreuzoutfit seine Vielseitigkeit. Maurer waren ebenso gefragt, wie Installateure und Stromtechniker. Männer und Frauen schraubten am Wasserwerk, legten sich zum Test der Geräte EKG-Elektroden an und sortierten Medikamente in die Regale. Für die ersten 1000 Behandlungen war nämlich alles mitgebracht worden. Sogar Fernsehgeräte und Kinderzeichnungen für den großen Behandlungsraum.
Im Gepäck waren aber auch eine Kücheneinrichtung, Lebensmittel, Schlafsäcke und Benzin für die komplette Expedition. Einsatzleiter Toni Drexler wollte damit nur Wartepausen vor überlasteten Zapfsäulen oder auf der Baustelle vermeiden. Die Rechnung ging auf, vor allem, als hieß, „die Station muss schnellstens fertig werden, weil die erste kleine Patientin nicht mehr lange warten kann.“ Rodica Leporda ist voll des Lobes auf ihre Rotkreuzmannschaft, wenn sie daran zurückdenkt, wie rund um die Uhr geschuftet worden sei.



Die Technik der Dialysestation war kaum freigegeben, da trug ein kräftiger Pfleger die fast leblose Emilia zu ihrem Bett. Rodica Leporda, die rumänischen Ärzte und Pfleger und das Team der Humanitären Hilfe standen ganz nah dabei, als die lebensrettenden Maschinen ganz leise summend ihren Dienst aufnahmen und das Blut des Kindes zu den Filtern saugten. Sigi Natzer sah auch zu, als sich das aufgedunsene Gesicht der Achtjährigen zusehends entspannte. Und er berichtet heute gerne darüber, „wie wir und Emilia Freunde geworden sind, auch wenn wir zwei verschiedene Sprachen gesprochen haben“.
Dass die Aktion Dialyse für die Humanitäre Hilfe ein Höhepunkt der Arbeit war, betont Rodica Leporda immer wieder. Es sei richtig gewesen, gerade in dieser Gegend mit der Aufbauarbeit für kleine Patienten zu beginnen, die sonst keine Überlebenschancen gehabt hätten. Die Kliniken in der Universitätsstadt seien zuständig für sechs Millionen Einwohner, darunter sehr viele Kinder. Die würden sich durch Infektionen durch Streptokokken oder auch immer wieder Pilzvergiftungen so schwere Nierenschäden zuziehen, dass sie auf Dauer dialysepflichtig würden.



Als die Neuburger Ärztin im Jahr 1990 erstmals gemeinsam mit der Humanitären Hilfe des Roten Kreuzes Hilfsgüter nach Rumänien geschafft hatte, da hörte sie noch von vielen Todesfällen als Folge von Nierenversagen. „Das gehört heute der Vergangenheit an und das ist auch ein großer Verdienst der Landkreisbevölkerung, weil sie so großzügig gespendet hat“, lobt sie. Sie erinnert sich auch daran, was ihr die Gründerin der Universitätsklinik sagte. Rodica Leporda hat sich die Sätze notiert und übersetzt wörtlich: „Wir sind in diesen Tagen Zeugen eines ungewöhnlichen Ereignisses geworden und haben eine Gruppe von Frauen und Männern kennengelernt, so unterschiedlich zu einander, wie man sich nur schwer vorstellen kann. Sie arbeiten wie Besessene, reden nur über das Notwendigste und dann kehrt jeder schnell zu seinem Platz zurück. Jeder agiert schnell für sich und trotzdem kämpfen alle für ein gemeinsames Ziel: Leben zu retten. Ich habe Sie betrachtet, ich habe Sie um ihre Großzügigkeit beneidet und ich habe mich für meine Einfachheit geschämt.“
Viele Kinder konnten über Jahre hinweg überleben, weil das BRK den Unterhalt der kompletten Anlage sicherstellte und ständig Verbrauchsmaterial und auch Ersatzteile lieferte. Inzwischen komme das Land für den Betrieb. Außerdem hätten 56 Kinder inzwischen eine Spenderniere erhalten, weil die Klinik jetzt auch Transplantationen durchführe. Das BRK-Projekt sei in jeder Beziehung ein Erfolg gewesen.

Das Foto zeigt Richard Unverdorben, der sich die Elektroden für den EKG-Monitor anlegte. Alle Behandlungsplätze waren von Anfang an mit kompletter Medizintechnik ausgestattet worden.