Letzte dialogische Kuratorenführung


 
„Architektur im Kontext“ mit Frank Seehausen.

(ir) Was macht eine Kuh auf einer Architekturfotografie? Wie stehen Neubau und historische Substanz zueinander und welche Rolle spielen Menschen im Bild? Diese und andere Aspekte von Architekturfotografie erläutert Kurator Frank Seehausen am Donnerstag, 7. Februar 2019 um 18:00 Uhr im Lechner Museum im Rahmen der Ausstellung „Sigrid Neubert. Fotografien. Architektur und Natur“.

Die Fotografin Sigrid Neubert (1927-2018) interessierte sich sehr für architektonische, räumliche und soziale Zusammenhänge. Ein Bauwerk betrachtete sie nicht als isoliertes Objekt, sondern stets als Bestandteil seiner Umgebung: einer Stadt oder einer Landschaft. Sorgfältig inszenierte sie die Umgebung der Bauten, betonte Beziehungen oder Gegensätze vor allem, indem sie Licht und Schatten für sich nutzte. Oft verbrachte sie ganze Tage an einem Standort, um den richtigen Moment mit ihrer Kamera einzufangen. Vor allem in den 70er Jahren ging es auch in der Architektur verstärkt um die Einbindung der der Umgebung und die Berücksichtigung gewachsener Strukturen.

Die Aufnahmen des Olympiageländes 1971-72 machen dies besonders deutlich. Fasziniert von der Raffinesse und Klarheit der Konstruktion, zeigte Neubert immer wieder die Einbindung der Bauten in den von Günther Grzimek mit wenigen, geschickt eingesetzten Mitteln gestalteten Olympiapark. Auch innerstädtische Projekte fesselten sie in diesem Zusammenhang, etwa die Anlage des Neubaus der evangelischen Gesamtkirchenverwaltung in Bayreuth. Direkt gegenüber der Stadtkirche gelegen, beendete das Gebäude einen langen Streit um die Schließung einer Baulücke. Neubert zeigt, wie sich die feinfühlige Architektur von Theodor Hugues 1975 in den Kontext einpasst.



Ein ähnliches Thema verfolgte sie mit ihren 1978 für Franz Riepl gefertigten Aufnahmen seiner Neubauten in seinem oberösterreichischen Geburtsort Sarleinsbach. Auch sie werden zum Teil eines Ganzen, und obwohl Neubert mit Gasthaus und Metzgerei ein kommunikatives Zentrum der Marktgemeinde fotografierte, bleiben die Straßen fast menschenleer – eine Herde Kühe schaut den Betrachter fragend an.

Die Aufnahmen der von Hans Maurer entworfenen, 1964 und 1970 realisierten Erdefunkstelle bei Raisting zeigen die als technisches Design-Objekt gestaltete Antennenanlage im Kontext der oberbayerischen Voralpenlandschaft. Intensiv bearbeitete Neubert den Himmel und suggeriert einen fast kosmischen Dialog. Im Hintergrund erhebt sich die frei in der Landschaft stehende Wallfahrtskirche St. Johann – in der Gegenüberstellung mit der Antenne bildet sie einen wirkungsvollen Kontrast.

Bei der 1964 von Hans-Busso von Busse erbauten Erlöserkirche in Erding ging es Neubert ausschließlich um den Kirchenneubau mit seiner außergewöhnlichen, von der US-amerikanischen „Sarasota School“ beeinflussten eleganten Holzkonstruktion – die schlichte Vorstadtumgebung spielt für sie hier keine Rolle.

Frank Seehausen ist Architekt, promovierter Kunsthistoriker, Autor und Kurator. Er hat in Berlin studiert, ist Architekturpreisträger des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI und hatte diverse Lehraufträge. Derzeit arbeitet er am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München.

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Eine Sonderausstellung der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin, im Rahmen des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Zusammenarbeit mit der Alf Lechner Stiftung. Die Ausstellung endet am 10. Februar 2019.

Sigrid Neubert, geboren 1927 in Tübingen, zählt zu den bekanntesten Architekturfotografinnen Deutschlands. Mit ihren Schwarzweißbildern gelang es ihr in besonderer Form, das Wesen eines Gebäudes sichtbar zu machen. Nicht nur Ikonen wie das BMW-Ensemble (Karl Schwanzer) in München erlangten durch die Veröffentlichung ihrer Fotografien weltweit Anerkennung. Ihre Schaffensphase als Architekturfotografin begann um 1960, vorher arbeitete Neubert als Werbefotografin. Seit den 1970er Jahren schenkte sie ihre Aufmerksamkeit mehr und mehr der Natur. Es entstanden leise Aufnahmen, geprägt von einer subjektiven Bildersprache.

In Ingolstadt und Obereichstätt werden beide Genres gezeigt, einzigartig ist ihre Präsentation an diesen zwei unterschiedlichen Orten: Während die Architekturfotografie ihren Platz in den Räumen eines ehemaligen Fabrikationsgebäudes, dem heutigen Lechner Museum, findet, werden die Naturfotografien in der Stille des Papierhauses der Alf Lechner Stiftung in Obereichstätt inmitten eines alten Steinbruchs und Skulpturenparks gezeigt. Damit öffnet die Ausstellung einen spannenden Dialog der Fotografie mit der sie umgebenden Architektur und der Kunst Alf Lechners.

Die Führungsgebühr beträgt zwei Euro. Der Eintritt ins Lechner Museum ist derzeit frei.